
Jedes Jahr rund um den 8. Mai werden in Erfurt die goldenen Rettungsdecken rausgehängt, wegen Demokratie, irgendwas mit Nationalsozialismus und vor allem guter Stimmung in der Stadt. Grund genug sich dieses Jahr zu beteiligen. Dokumentation eines dankbar ausgelegten Flyers.
Die letzten Jahre lief die Aktion der ‘Ständigen Kulturvertretung Erfurt’ (SKV) noch unter dem Motto “Gold statt Braun”, deren ideologische Versatzstücke wir in den letzten Jahren immer mal kritisierten. In diesem Jahr war das Motto neu und erhielt den vielsagenden Titel “Erfurt glänzt”. Und so ist der Thüringer Allgemeinen ein Zitat der Organisator:innen zu entnehmen: “Die Namensänderung ist eine Folge der Weiterentwicklung unserer Erinnerungskultur”. An was da erinnert werden sollte, blieben sie zwar weiterhin schuldig – die SKV Erfurt will von der Vergangenheit ohnehin lieber möglichst schnell ins Hier und Jetzt flüchten. Laut Aufruf verstehen sie Erinnerung „nicht als bloßes Ritual, sondern als aktive Haltung in der Gegenwart. Wer den 8. Mai erinnert, erinnert auch an die Verantwortung, Demokratie, Vielfalt und Solidarität heute zu schützen.“ Eine begriffliche Entleerung die es anscheinend braucht, um die Erinnerung an irgendwas als Grundlage für das Stadtmarketing der Guten zu nutzen und damit alle an Bord zu holen. Denn, während man das zivilgesellschaftliche Schlagwort-Verzeichnes durchrattert, braucht man sich nicht mit der Realität zu beschäftigen, wo sich Erfurt durch eine autoritär-repressive Stadtpolitik, Neonazigewalt oder Deutschland in Sozialabbau und tödlicher und menschenfeindlicher Migrationspolitik auszeichnet. Who cares, wenn man sich im größtenteils nichtssagenden Kulturprogramm das moralische Gewissen sauber waschen kann? Im Gegensatz zu „Selfies im Fotobus“ oder „Erfurt glänzt!-Armbändern” ist der Beitrag der katholischen Jugend wohl noch das rationalste Angebot. Beten am Lagerfeuer ist angesichts dieses ganzen Unsinns wohl das Letzte, was außerhalb der Logik der kulturindustriellen Zurichtung von “Gedenken” steht.
Agnostikern bleibt nur Trotz. Statt wieder einen Text zu schreiben, der sich auf dieser Website an der Promo-Aktion abarbeitet, war es mal Zeit, nicht nur zu meckern, sondern selbst aktiv zu werden. Deshalb beteiligten wir uns mit einem Flyer, den wir in größerer Auflage an Orten in der Stadt verteilten, die sich an der Aktion beteiligten. Besonderer Dank gilt allen, die diesen Flyer bereitwillig entgegennahmen und auslegten – zwar, ohne ihn vorher gelesen zu haben, aber seien wir mal ehrlich: Um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit irgendetwas ging es doch ohnehin nie.

Den Flyer-Text kann man hier nachlesen:
“Aus der Geschichte der Zivilgesellschaft können wir lernen, dass die Zivilgesellschaft nichts aus der Geschichte gelernt hat” – Hegel oder so.
Dass die Erfurter Zivilgesellschaft sich als geläutert begreift, hat sie in den letzten Jahren immer wieder mit allen Mitteln unter Beweis zu stellen versucht. Geschichtsklitterung, die offensichtlich zu jenen Mitteln gehört, wird auch dieses Jahr von der Kampagne “Erfurt glänzt” ganz unverblümt betrieben. So wird der Nationalsozialismus kurzerhand zur bloßen Diskriminierungspraxis und unterschiedslosen Gewaltgeschichte verschleiert.
Aber im Fokus soll ohnehin nicht die richtige Analyse des NS stehen, aus welcher allein man Lehren ableiten könnte, sondern – man will offensichtlich schnell zum Punkt kommen – was man gelernt hat. Der 8. Mai dient ohnehin nur noch als “Aufhänger” für die Stadtmarketing Ambitionen. Im Aufruf wird er einmal genannt, um eine diffuse historische Verantwortung heraufzubeschwören und die eigenen Machenschaften mit Legitimation auszustatten. Trotz der Beteuerung, es handle sich beim Gedenken nicht um ein Ritual, macht man sich im Aufruf daran, ritualisiert herunterzubeten, was es heute in Erinnerung an den NS zu schützen gelte: “Verantwortung, Demokratie, Vielfalt und Solidarität”.
Verantwortung also. Gegenüber wem, gegenüber was? Man vollendet die begriffliche Entleerung der Erinnerung. Als hätte der NS daraus bestanden, dass die Deutschen keine Verantwortung übernahmen oder unsolidarisch waren. War es nicht gerade die zur Vernichtung schreitende Verantwortung gegenüber der “Volksgemeinschaft” und die zum “Volkskörper” sich verdichtende Solidarität im Schweiße der Arbeit, die den NS ausmachten? Aber, dass man sich mit solch “negativen” Dingen ungern beschäftigt, schlägt sich auch in der Umbenennung der Kampagne nieder.
Man nenne sich statt “Gold statt Braun” nun “Erfurt glänzt”, um sich von der “negativen Setzung” loszusagen. Noch weniger Kritik an Nazis, als ohnehin schon, mehr Selbstbeweihräucherung ist also die Devise. Da ist es auch nur konsequent, die spärlichen Verlautbarungen über den Nationalsozialismus der letzten Jahre – mal abgesehen davon, wie falsch sie waren – ganz über Bord zu werfen. Schließlich will gutes Marketing nicht so negativ und deprimierend auftreten. Da unterschlägt man auch lieber, dass die goldenen Deckchen, die auch dieses Jahr die Stadt schmücken sollen, ursprünglich an die tödlichen EU-Außengrenzen erinnern sollten.
Der moralische Sellingpoint, das braune Erfurt, scheint den Kulturmanager:innen für ihre linksalternative Zielgruppe mittlerweile unangemessen zu sein und beim modernen Stadtmarketing zu stören. Diejenigen jedoch, die dieses braune Erfurt nur allzu gut kennen, die in Erfurt nicht den nächsten Lesezirkel oder Gesangsverein suchen, sondern Zuflucht und Schutz, und denen beim Anblick der Rettungsdecken grauenhafte Erinnerungen hochkommen könnten, dürften sich angesichts von Abschiebeknast und Bezahlkarte eh nicht als Gegenstand von Interesse eignen. Streng nach dem Grundsatz des Marketings: Product, Price, Place, Promotion.