»Buchenwald im Kreuzfeuer« und was am 11./12. April passierte

Am 11. April 1945 wurde das KZ-Buchenwald bei Weimar befreit. Rund um dieses Datum findet die zentrale Gedenkveranstaltung in der KZ-Gedenkstätte statt. Im Vorfeld hatte die antisemitische Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ für Wirbel gesorgt. Der Umgang damit sowie die Gedenkveranstaltung an sich waren bezeichnend für die aktuellen Entwicklungen in deutschen Gedenkstätten. Wir wollen das Geschehen kurz einordnen und auf einen Text verweisen der bei der Pirnaer Autonomen Linken im Vorfeld dazu veröffentlicht wurde und dem wir weitere Verbreitung wünschen.

2025 noch möglich - Dank der Rücksicht der Gedenkstätte vor der antisemitischen Internationalen, 2026 nicht mehr möglich: Israel-Fahne beim Gedenken in Buchenwald.
2025 noch möglich – Dank der Rücksicht der Gedenkstätte vor der antisemitischen Internationalen 2026 nicht mehr möglich: Israel-Fahnen beim Gedenken in Buchenwald.

Vor einigen Wochen wurde durch die Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ angekündigt, am Jahrestag der Befreiung des KZ-Buchenwald an bzw. in der Gedenkstätte zu demonstrieren. Den Organisationen dahinter ging es dabei um die Konsequenz aus einer erinnerungspolitischen Debatte der letzten Jahre, in der die Shoa verdrängt und als ein Verbrechen neben vielen erscheint – in diesem Fall mit einem herbeigeredeten Genozid Israels im Gaza-Streifen. Auf Social Media verständigte sich die Kampagne schon rhetorisch auf die Verdrängung – die Shoah bezeichnet man dort konsequent als “Nazi-Genozid”. Die angemeldeten Kundgebungen der Kampagne wurden untersagt und dies durch Gerichtsurteile bestätigt. Am Ende waren die Ersatzveranstaltung in der Stadt Weimar kurzfristig abgesagt, schließlich hatte man schon ohne eine Kundgebung maximale Erfolge erringen können. Die mediale Aufmerksamkeit ist ihnen sicher und bestimmten die Berichterstattung. Ein wichtiger Erfolg für sie war es ebenfalls, dass die Gedenkstätte Buchenwald sämtliche Nationalfahnen bei dem Gedenken untersagte und damit auch die Fahnen der Nationen der Überlebenden und nicht zuletzt auch die Fahne Israels. Alles was es dafür brauchte war nicht mehr als eine Website, ein paar social-media Posts und die gegenseitige Reproduktion in der eigenen Bubble. Es verwundert dann auch nicht, dass bei der zentralen Gedenkfeier Jens-Christian Wagner nicht weiter darauf eingehen wollte, um diesen Gruppen nach eigener Aussage nicht mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, denn die Gedenkstätte stellte vorher schon fest, dass weder die Kufiya noch die „Kritik an Israel“ verboten sei, es gäbe halt nur ein paar rote Linien. Somit gab es lediglich beim späteren Gedenken am Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden eine Rede durch einen Vertreter der Landesgemeinde, der den Antisemitismus, die Vernichtungswünsche gegen Israel und letztlich den Angriff auf die Präzedenzlosigkeit der Shoah aufgriff. 

Am Ende war von den großen Ankündigungen der antisemitischen Gruppen nichts gewesen, außer ein kleines Instagram Video für die Inszenierung vom Vortag. Und so blieb einem nur, sich erneut die mahnenden Worte der geläuterten Deutschen anzuhören. Diese blieben so unbestimmt wie abstrakt. Von Kulturstaatsminister Weimer über Jens-Christian Wagner bis zu Landtagspräsident König (CDU) reihte man sich geschlossen in die Einheitsfront gegen Totalitarismus und Autoritarismus ein und beschwor das Grundgesetz als „Antwort auf den Nationalsozialismus“. Konkrete Konsequenzen, gar ein Plädoyer für eine „praktizierte Antisemitismuskritik“, die auf die fortwährenden Vernichtungsbestrebungen gegen den jüdischen Staat bezogen sein müsste, blieben aus. So bleibt vor allem moralische Selbstvergewisserung. Die von Hape Kerkeling angemahnte „Kultur des Wegsehens“ beschreibt damit unfreiwillig treffend auch weite Teile der gehaltenen Redebeiträge.

Das Prozedere rund um das Wochenende reiht sich dabei in eine Vielzahl von Angriffen auf das Gedenken sowie Gedenkstätten ein. Deren Spannungsfeld ist breit, wie bereits zum 80. Jahrestag der Befreiung im vergangenen Jahr deutlich wurde, als die Gedenkstätte selbst mit Omri Boehm einen Vertreter als Redner einladen wollte, der im Sinne eines ‚multidirektionalen Erinnerns‘ die Shoa einebnet in ein Verbrechen unter vielen. In einem Artikel von Richard-Hellmut Stoenescu und Kevin Holfeld in der Bahamas #97 greifen die Autoren diese Entwicklung auf und zeichnen diese anhand der Gedenkstätte Buchenwald und die Debatte um „Kufiyas in Buchenwald“ nach. Der Artikel wurde auf der Seite der Pirnaer Autonomen Linken online veröffentlicht. Wir dokumentieren den Text in der Hoffnung auf seine weitere Verbreitung.

Buchenwald im Kreuzfeuer. Über die Entwicklungen in deutschen Gedenkstätten​​​

Am Wochenende 11./12. April wollen zum 81. Jahrestag der Befreiung des damaligen Konzentrationslagers Buchenwald in Weimar linke Antisemiten unter dem Kampagnenmotto „Kufiyas in Buchenwald“ ein Gedenkwochenende veranstalten und am Sonntag demonstrieren. Dies reiht sich in eine vermehrte Anzahl von Angriffen auf das Gedenken (Stichwort: Multidirektionale Erinnerung) sowie Gedenkstätten ein, die spätestens in der Öffentlichkeit seit dem August 2025 mit der Klage einer Trägerin des Palifeudels gegen die Gedenkstätte Buchenwald bekannt sind. Diese Klage war Anlass für die Autoren Richard-Hellmut Stoenescu und Kevin Holfeld, sich mit der deutschen Gedenkstättenpolitik auseinanderzusetzen, worum es in dem Text „Buchenwald im Kreuzfeuer. Über die Entwicklungen in deutschen Gedenkstätten“ geht. In Absprache mit der Redaktion Bahamas, bei der wir uns an der Stelle dafür bedanken, kann dieser aus der Nummer 97 online zur Verfügung gestellt werden.

Eine Frau hatte im August 2025 vor dem Verwaltungsgericht Weimar erfolglos dagegen geklagt, dass ihr der Zutritt zur Gedenkstätte Buchenwald mit einem Palästinensertuch verwehrt wurde. Sie wollte ausgerechnet die Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung nutzen, um gegen die aus ihrer Sicht zu einseitige Parteinahme der Gedenkstätte für die Politik Israels ein Zeichen zu setzen. Dagegen ging sie in Revision. Doch das Thüringer Oberverwaltungsgericht schloss sich den Kollegen aus Weimar an und stellte fest, dass aus der Präsentation des Palästinensertuchs „gerade auf dem Gelände der Antragsgegnerin [also der Stiftung, d. R.] eine Gefährdung des Sicherheitsgefühls vieler Jüdinnen und Juden“ folge, „nicht infrage“ stehe. Die Sicherstellung des Stiftungszwecks sei hier höher zu bewerten als die Meinungsfreiheit der Klägerin.(1)

Dieses Gerichtsurteil stieß interessanterweise auf Erleichterung und positive Resonanz. Reinhard Schramm, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, befand es als unwürdig, gerade in der Gedenkstätte Buchenwald agitieren zu wollen. Er fährt fort: „Sie soll zu Demonstrationen gehen, die sind ja alle zulässig, aber sie soll auf unseren Gedenkstätten nicht demonstrieren – wirklich.“ Die justizpolitische Sprecherin der Linken im thüringischen Landtag, Ulrike Grosse-Röthig, pflichtete ihm bei. Die Kufiya sei ungeeignet, um gegen die israelische Politik zu demonstrieren, es mangele der Klägerin an Respekt. Selbst Ralph Hutschenreuther, seines Zeichens justiz- und religionspolitischer Sprecher des BSW im Thüringer Landtag, fand das Urteil richtig. In seiner Begründung machte er aber die Schwäche – für ihn ist eher die Stärke – des Urteils deutlich: Bei dem ganzen Gerede über Respekt werde auffällig wenig über Antisemitismus gesprochen. Hutschenreuther konnte das Urteil problemlos begrüßen, da es sich nur gegen den gewollten „lautstarken“ Protest der Klägerin richtete, während das Tragen des Tuches allein noch kein Ausschlussgrund sei. Der Sprecher der Gedenkstätte, Rikola-Gunnar Lüttgenau, bestätigte diese Auslegung und fügte  hinzu: „Die Kufiya ist ja nicht per se ein antisemitisches Symbol. Das ist in der Tat ein wenig tricky. Denn was ein Symbol bedeutet, kommt immer auf den Kontext an – also: wie, wo und von wem es verwendet wird.“(2)

Die Folgen dieses „Diskurses“, der nur über das Sicherheitsgefühl von Juden, nicht aber von Antisemitismus handelte, wurden schon in den ersten Reaktionen deutlich. Schramm glaubt nämlich wirklich, dass es für die Klägerin gut wäre, sich mit ihm oder anderen Juden in aller Ruhe zu unterhalten, „damit sie auch die jüdische Seite hier in Deutschland versteht.“(3) In den Rufen nach Intifada und den Gewalttaten wird anscheinend keine reale Bedrohungslage gesehen.

Von antisemitismuskritischen Gedenkstätten …

Einige Wochen vor dem letztinstanzlichen Urteil, im Juli 2025, ging es ganz anders zur Sache. Auch damals stand die Gedenkstätte Buchenwald im Fokus und wieder spielte das Palästinensertuch eine Rolle. Der „Skandal“ entzündete sich an einer internen Handreichung, die für die Mitarbeiter und das Sicherheitspersonal gedacht war und der Öffentlichkeit zugespielt wurde. Aufgezählt wurden darin vor allem Symbole und Codes mit denen Neonazis und andere Rechtsradikale erkannt und ihr Besuch der Gedenkstätte unterbunden werden kann. Dass solche Sensibilisierung Sinn ergibt, wird an den zahlreichen neonazistischen Provokationen auf dem Gelände und anschließend in den sozialen Medien deutlich. Neu an der 57seitigen Handreichung ist allerdings, dass auch auf antizionistische Codes hingewiesen wird, wie sie von K-Gruppen und antiisraelischen Aktivisten zunehmend in das Gelände der Gedenkstätte getragen werden. Als dieser Abschnitt über den Umweg schleswig-holsteinischer Juristen den Weg an die Öffentlichkeit fand, ließen hasserfüllte Reaktionen nicht lange auf sich warten, die vor allem von sogenannten Social Media-Aktivisten ausgingen. Das Ganze wuchs sich zu einem Shitstorm aus, in dem nicht nur die Gedenkstätte wüst attackiert wurde, sondern auch die Mitarbeiter, die teilweise Morddrohungen erhielten. 

Gegen diesen antisemitischen Hass ist den Angestellten selbstverständlich jede Unterstützung zu wünschen. Merkwürdig ist es aber, dass der Historiker und Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sofort auch eine Überprüfung der Handreichung angekündigt hat. Das mag der „israelkritischen“ Hegemonie in der öffentlichen Debatte und dem Schutz der Mitarbeiter geschuldet sein, macht aber wie der ganze „Skandal“ die Stellung der Gedenkstätten deutlich. Diese sind im Gegensatz zu den selbsternannten Kulturschaffenden und den Hochschulen eben (noch) kein Ort für die Propagierung des Antisemitismus bzw. der Gegenaufklärung. Aufgrund der thematischen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und der Shoah und den Kontakten zu jüdischen Gemeinden oder israelischen Einrichtungen käme in den (meisten) Gedenkstätten niemand auf die Idee, das Existenzrecht Israels infrage zu stellen.

Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gedenkstätten im Kampf um staatliche Mittel und vorstaatliche Projekte sich mühen, auf der richtigen Seite zu stehen, was zu einer äquidistanten Position gegenüber dem jüdischen Staat führt. Man ist ganz mit ewigem Gemahne vor neuen Nazis und solchen, die man dazu erklärt, beschäftigt und will genauso aware gegenüber antimuslimischem Rassismus sein, die Befindlichkeiten der People of colour berücksichtigen und für queere Sorgen ein offenes Ohr haben. Mithin, die eigene Arbeit orientiert sich genau an den ideologischen Diskursen, die gerade an den  Universitäten Konjunktur haben. 

… zu Orten legitimer Israelkritik

Weil in Thüringen Warnungen vor Nazis nicht schaden und gerade hier die AfD genau beobachtet und kritisiert werden muss – selbstredend ohne plumpe NS-Analogien –, ist es durchaus verständlich, dass der Schwerpunkt in der Handreichung der Gedenkstätte Buchenwald diesem Personenkreis gewidmet ist. Dass man zugleich den aktuellen Antisemitismus, dessen Protagonisten an Gedenkorten Israel des Genozids bezichtigen, ebenso benennt, muss man in der aktuellen Situation fast lobend hervorheben. In der Handreichung wird die Kufiya, die „eng mit dem Streben nach der Vernichtung Israels verbunden“ sei und „mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Sympathie mit militanter Israelfeindschaft“ bedeute, genauso als Ausschlussgrund benannt wie die Forderung nach Ceasefire, da es sich hier um eine „einseitige Forderung zu Lasten Israels“ handele.(4) Der taz fiel dazu nur ein, dass so „auch harmlose Zeichen zu gefährlichen und damit möglicherweise antisemitischen Symbolen erklärt“ werden würden.(5) Das Neue Deutschland ging noch einen Schritt weiter und mokierte sich darüber, dass das Meuchelmordsymbol der blutverschmierten Hände in der Handreichung als antisemitisch abgelehnt wird, obwohl es doch ein Symbol der Friedensbewegung sei. Das laufe auf „eine konstruierte Verschwörungserzählung“ hinaus.(6)  

Jens-Christian Wagner sprang den „Kritikern“ an die Seite und stellte auf der Homepage der Gedenkstätte klar, dass Kritik an der israelischen Politik legitim sei. Wörtlich heißt es bei ihm: „Wir nehmen die kritischen Rückmeldungen ernst und bedauern, dass einzelne Formulierungen missverständlich oder ungenau waren. Zugleich bitten wir darum, bei aller berechtigten Kritik von persönlichen Angriffen auf unsere Kolleg:innen abzusehen. Grundsätzlich gilt für uns: Kritik an der Politik der israelischen Regierung, an der Siedlungspolitik oder am Vorgehen im Gaza-Streifen ist legitim. Sie wird aber antisemitisch aufgeladen, wenn sie dazu genutzt wird, die Shoah zu relativieren und deren Opfer als Täter zu diskreditieren. Das werden wir in der Gedenkstätte Buchenwald nicht dulden.“(7) Wagner bat nicht nur die Antisemiten „bei aller berechtigter Kritik“ um Verständnis, sondern fiel in der Sache seinen Mitarbeitern in den Rücken, indem er behauptet, dass „die Kritik im Kern berechtigt ist.“(8) So machte er – wahrscheinlich nicht nur zur Freude des BSW – deutlich, dass das Palituch weiterhin „in der Gedenkstätte kein verbotenes Kennzeichen ist.“ Wagner begründet dies mit unterschiedlichen Sprechorten: „Man kann hier eine Kufiya tragen, wenn eine Person mit palästinensischem Hintergrund sie gewissermaßen aus einer Tradition heraus trägt.“ Da aber neben den zahlreichen Fellachen aus Neukölln oder Duisburg-Marxloh, deren autochthones Recht auf Israelhass unbedingt schutzwürdig sei, in Deutschland auch schlimme Demagogen herumliefen, muss differenziert werden. Anders sieht es für Wagner nämlich dann aus, „wenn die Kufiya aber zusammen mit anderen Symbolen genutzt wird, um eine politische Stellungnahme in der Gedenkstätte in die Öffentlichkeit zu bringen, die geeignet ist, die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren, dann werden wir die Personen auffordern, entsprechende Symbole abzulegen.“

Wagner hatte im gleichen Interview mit dem NDR eingeräumt, dass es immer mal wieder Probleme mit propalästinensischen Besuchern gegeben habe, die nicht der Opfer gedenken wollen, „sondern de facto anti-israelische und in diesem Fall antisemitische Propaganda“ betrieben. Trotzdem hält er den Abschnitt über die antisemitischen Codes in der Handreichung für einen Fehler, weshalb dieser angeblich wissenschaftlichen Standards nicht genügende Teil gestrichen wurde. In den Worten Wagners: „Aus diesem Grund habe ich das Papier sofort zurückgezogen, und es wird jetzt grundlegend neu bearbeitet.“ Wäre das nicht schon schlimm genug, lässt er die Öffentlichkeit auch noch wissen: „[W]ir haben entsprechende personalrechtliche Konsequenzen eingeleitet.“

Wagner hat zum 80. Jahrestag der Befreiung des Lagers Buchenwald Omri Boehm eingeladen, der erst aufgrund von Kritik bspw. des schon erwähnten Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, oder des israelischen Botschafters Ron Prosor dann doch nicht reden durfte. Seine geplante Rede wurde aber u.a. in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht und trägt bezeichnenderweise den Titel „Nie wieder ist nur in seiner universellen Form gültig“. Der israelisch-deutsche Philosoph Boehm dürfte mit seinem radikalen Universalismus – obwohl dieser auch eine Absage an die linke Identitätspolitik beinhaltet –, seiner Intellektualität und vor allem seiner utopischen Vorstellung einer friedlichen, binationalen Einstaatenlösung Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank als Gallionsfigur für die Äquidistanz abgelöst haben. Nicht zuletzt, bestreitet Boehm die Grundlagen seiner eigenen Positionen, d. h. die europäische Philosophie. In dieser Ablehnung kommt er den Freunden der postcolonial studies dann doch wieder inhaltlich sehr nahe. Wagner war sich der Fragwürdigkeit der Personalie Boehm sehr bewusst und erkannte in ihm dennoch den geeigneten Redner für die Gedenkveranstaltung.(9)

Aber auch ohne Omri Boehm und ohne die Klägerin kam es zu der schon fast obligatorischen Störung: Jugendliche Teilnehmer eines Projektes des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora skandierten in ihrer Rede „Stop the genocide in Palestine“ und „No Pasaran“. Hier schritt Jens-Christian Wagner sofort ans Mikrofon und machte deutlich, dass dies nicht akzeptabel sei. Dieser Vorfall gibt aber exakt das Dilemma der Gedenkstätten wider. Jugendliche, selbst die, die sich für den Nazismus interessieren, konfrontieren die alten Argumentationen mit dem neuen Zeitgeist.(10)

Dabei darf nicht unterschlagen werden, dass bei vor allem früheren von Linken organisierten Fahrten und Aktionen rund um den Tag der Befreiung des Lagers, die Position der Beteiligten zu Israel alles andere als klar waren. Aber im Gegensatz zu den postkolonialen Krakeelern von heute wollte man die Diskussionen nicht auf dem Rücken der Gedenkstätte austragen und sie nicht für antisemitische Positionen instrumentalisieren. Diesen Wandel,  wollen die Äquidistanten einfach nicht wahrhaben. Ihnen will nicht aufgehen, dass sie bei ihrem Versuch, immer moralisch richtig zu handeln und niemanden zu nahe treten zu wollen, sie es den Antisemiten trotzdem nicht recht machen können. Hier lohnt sich ein Blick in die Kulturszene. Trotz mahnender, abwägender und leiser Töne werden Veranstaltungen und Festivals weiter boykottiert und mit einem Shitstorm überzogen. So traf es auch jüngst das antinationale DIY-Festival Paranoya, welches seit 20 Jahren in der sächsischen Provinz stattgefunden hat. Dabei haben die Organisatoren nicht einmal verboten, sich auf der Bühne propalästinensisch zu äußern.(11)

„Der Katechismus der Deutschen“

Als die damalige Bundesbeauftragte für Kultur und Medien Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) im Jahr 2024 eine aktualisierte Gedenkstättenkonzeption vorlegte, entbrannte darüber ein anhaltender Streit. In dem Entwurf, der ganz dem neuen Zeitgeist verschrieben ist, war vorgesehen, dass die beiden Schwerpunkte zu Nazismus und DDR im Sinne einer, wie es hieß, zeitgemäßen Erinnerungskultur erweitert werden müssten. Ergänzend sollten drei neue Bereiche aufgenommen werden: Kolonialismus, Einwanderungsgesellschaft und Demokratiegeschichte.(12)

Damit folgte man erinnerungstechnisch dem globalen Trend der postcolonial studies, aber mit dem spezifisch deutschen Touch. Der Nazismus erschien zwar prominent, aber als nur ein Teil der (westlichen) Gewaltgeschichte. Zwangsläufig führt dies aber dazu, die Shoah als einen Genozid unter vielen verschwinden zu lassen. Die Konzeption schließt in Deutschland an die Debatte unter dem Stichwort Historikerstreit 2.0 von 2021 an, die maßgeblich von Anthony Dirk Moses und seinem Beitrag „Der Katechismus der Deutschen“ im Online-Magazin Geschichte der Gegenwart sowie von Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg mit ihrem Artikel „Enttabuisiert den Vergleich!“ in der Zeit angestoßen wurde.

Deren Argumentation fasste ausgerechnet Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner durchaus zustimmend den Kern treffend so zusammen: „Die Fixierung auf die Shoah und ihre tatsächliche oder vermeintliche Singularität sei zu einem geschichtspolitischen und damit unwissenschaftlichen Glaubenssatz verkommen und verhindere eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Kolonialismus. Zudem werde sie genutzt, um Kritik an israelischem Regierungshandeln als antisemitisch zu diskreditieren. Und schließlich: Die Fixierung auf die Shoah und die Abwehr des Antisemitismus trage, so formulierte es der australische Historiker A. Dirk Moses in einer im Mai 2021 veröffentlichten Streitschrift, sakrale Züge, sie sei ein Katechismus, und ihre Protagonist:innen seien ‚Glaubenswächter‘, ja sogar ‚Hohepriester‘.“(13)  

Das Papier von Roth wurde von Seiten der Gedenkstättenleitung scharf kritisiert. Wagner, der Roth bei Antrittsbesuch in Buchenwald 2021 noch attestierte, dass sie „emotional voll dabei gewesen“ sei, musste drei Jahre später konstatieren: „Ich war alles andere als angetan von dem Papier. […] Insgesamt ist diese Geschichte ein kommunikatives Desaster gewesen!“(14) Auch im Feuilleton gab es nicht nur Zustimmung und der Zentralrat der Juden wies das Ansinnen rigoros zurück. Tragend war dabei das Argument, dass damit die Verbrechen des Nazismus, allen voran die Shoah, insbesondere mit dem Kolonialismus gleichgesetzt und somit relativiert werden könnten und auch wurden. In letzter Konsequenz wurde die Neukonzeption zurückgezogen, allerdings nur vorläufig. Claudia Roth teilte trotzig mit, sie wolle es auf kleinerer Ebene erneut damit versuchen. Unter Einbeziehung der Gedenkstätten wurde das Papier überarbeitet, schaffte es aber nicht mehr durch den alten Bundestag. Laut Wagner sei es jetzt richtig gut geworden.(15)

Deutsche Gedenkstättenlandschaft

Die Gedenkstättenlandschaft geht auf die 1980er-Jahre in der Bundesrepublik zurück und erfuhr nach der Wiedervereinigung viele Neuerungen. Vor 1980 tat man sich in der BRD schwer mit dem historischen Erbe. Die kurze Phase nach Kriegsende, in der in den  Haftanstalten und Mordstätten Gedenkorte errichtet wurden, die meist auf die Initiative von Überlebenden unter Schirmherrschaft der Besatzungsmächte vonstattenging, wurde nach Gründung der Bundesrepublik schnell überlagert und dann abgelöst von der Erzählung der Bombenopfer und Vertriebenenverbände und dem Aufbau entsprechender Erinnerungsorte.

Erst im Zuge des Systemkonflikts mit der DDR und der Initiative der SED, zwischen 1958 und 1961 in Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen Mahn- und Gedenkstätten zu errichten, die auch der eigenen antifaschistischen Selbstlegitimation dienen sollten, wurden erste Vorstöße auch in der BRD unternommen. Die Gedenkstättenpolitik war zu dieser Zeit Ländersache, deshalb gab es kein gesamtstaatliches Vorgehen – die ersten Umsetzungen gingen von den jeweiligen Bundesländern aus, was 1965 und 1966 die KZ-Gedenkstätten Dachau und Bergen-Belsen hervorbrachte. Dennoch blieb die Beschäftigung vorerst auf nur wenige Orte begrenzt.

Neuen Schwung bekam die Erinnerungspolitik in den 1980er-Jahren, als sich nicht nur ein Generationswechsel vollzog, sondern ebenso eine umfangreichere Auseinandersetzung in der Kulturindustrie mit dem Nazismus einsetzte, u. a. durch die Serie „Holocaust“, die 1979 in der BRD ausgestrahlt wurde. Dies änderte auch den Blick auf die Gedenkstättenkonzeption. Vermehrt auf Initiative von Jugendgruppen, Gewerkschaften und Kirchenverbänden wurden Erinnerungsorte geschaffen bzw. erste Auseinandersetzungen mit lokalen und regionalen Orten des Nazismus angestoßen, nicht selten gegen den Widerstand der örtlichen Bevölkerung. So kam unter anfänglicher Ägide der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V., die seit den 1960er-Jahren aktiv war, im Jahr 1981 auch ein erster bundesdeutscher Austausch verschiedener Gedenkgruppierungen zustande. Bereits beim zweiten Treffen ein Jahr darauf wurde dies mit staatlicher Unterstützung seitens der Bundeszentrale für politische Bildung durchgeführt. Dieser Bedeutungszuwachs und damit auch die staatliche Förderung nahmen seither kontinuierlich zu, was zur Etablierung einer Vielzahl von Ausstellungen und neuen Gedenkstätten in dem Jahrzehnt führte. Zugleich wurde durch den Historikerstreit die Debatte darüber sowohl akademisch als auch öffentlich begleitet und im Sinne der angestoßenen Gedenkpolitik entschieden. Die Wiedervereinigung tat dieser Entwicklung keinen Abbruch, vielmehr hielt neben dem Nazismus auch die Erinnerung an den Staatssozialismus der DDR Einzug.(16)

In den Grundzügen der Entwicklung seit 1980 ist ebenso die deutsche Spezifik der staatlichen Nutzbarmachung der Gedenkpolitik angelegt, die auf eine Normalisierung Deutschlands nach Auschwitz abzielte.(17) Zwar ist unbestreitbar, dass die Gedenkstättenpolitik überhaupt zu einem Bewusstsein des verdrängten Nazismus geführt hat und eine wichtige Rolle in der Wissensvermittlung einnahm, zugleich zeichnet sich spätestens ab Mitte der 1990er-Jahre eine immer stärker ideologische Komponente heraus, die mit dem polemischen Vorwurf, Deutschland werfe sich zum Vergangenheitsbewältigungsweltmeister auf, treffend beschrieben ist. Stand vorher die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit durch des Musterschülers BRD im Vordergrund – die oftmals eine gegen Israel gerichtete war, – blieb den Gedenkstätten zunächst die Möglichkeit (18) sich dem Kerngeschäft, der Auseinandersetzung mit Nazivergangenheit, zu widmen. 

Mach es zu deinem Projekt – Gefühl statt Wissensvermittlung

Zwar hatten sich die Gedenkstätten erfolgreich gegen Claudia Roths postkoloniale Pläne gewehrt, aber Jens-Christian Wagner hat in diesem Kontext richtigerweise festgestellt, dass das Thema Nationalsozialismus an den Unis fast tot sei. Diese Anwendung des akademischen Betriebs von der Kritik am NS schlägt sich sowohl im zivilgesellschaftlichen Bereich als auch in anderer Form in der Gedenkstättenarbeit nieder. Sie äußert sich darin, dass einer der Hauptaufträge von Gedenkstätten in bürgerlichen Demokratien, die Wissensvermittlung, zugunsten der Animierung der Besucher durch Emotionalisierung in den Hintergrund tritt. Diese Neuakzentuierung ist nicht zu verwechseln mit Empathie für die Opfer, die im besten Falle durch eine kluge Konzeption vor Ort ermöglicht werden kann, bei Deutschen aber bereits seit Beginn der Institutionalisierung zu beobachten war: Die Identifikation mit den von ihnen ermordeten Juden sowie das penetrante Gebaren aus der Geschichte gelernt zu haben.

Deutlich wird diese Neuakzentuierung anhand des Umgangs mit Biografien. Diese wurden und werden oftmals in den Geisteswissenschaften als Habilitationsthema genutzt und konnten auch zum Erkenntnisgewinn beitragen, wenn der durch die jeweilige Persönlichkeit vermittelte geschichtliche Zeitabschnitt sich in dieser widerspiegelt, um entweder auf allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen zu verweisen oder aber die Ausnahme von der historischen Regel zu untermauern. Demnach zeichnen sich gute Biografien dadurch aus, dass darüber auch die Wissensvermittlung anschaulich über den besagten Zeitabschnitt glückt.

Im Bereich der politischen Bildungsarbeit, meist in Form von Projekten und Workshops, werden Biografien, insbesondere von Juden und Jüdinnen aus den 1930er- und 1940er-Jahren, hingegen nun verstärkt zur Emotionalisierung des jeweils zu bearbeitenden Themas herangezogen. Erklärtes Ziel ist, dass sich die Teilnehmer in die jeweilige Lebensrealität „hineinfühlen“ sollen, unter völliger Absehung von der räumlichen sowie zeitlichen Trennung. Anders gesagt: Vollkommen ahistorisch wird versucht zu vermitteln, dass Erfahrungen von vor 80 Jahren unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen bruchlos auf die heutige Zeit übertragbar wären. 

Dies leistet der Identifikation der Kursteilnehmer mit der dargestellten Person nicht selten massiv Vorschub. Die Biografien fungieren hier nur noch als Erzählungen von Opfern (oder neudeutsch Betroffenen bzw. Diskriminierungserfahrenen). Daran ändert auch nichts die pflichtschuldig beigefügten persönlichen Eckdaten von Geburt über Ausbildung und beruflichen Werdegang bis hin zu familiären Konstellationen, die auch in entsprechenden Ausstellungen mit Biografieschwerpunkten gesetzt werden. Diese Reduzierung auf gefühlige Erfahrbarkeit führt zudem auch dazu, dass das (historische) Individuum als handelndes Subjekt weitgehend kassiert wird und nur noch als Objekt im Sinne der Projektionsfläche dient. Ebenso werden die Teilnehmer nicht selten in Bezug auf ihre eigene Biografie nur daran gemessen, wo sie sich auf der Betroffenenskala verorten lassen. Darin liegt dann auch der vermeintliche Erkenntnisgewinn: Der Bezug zur historischen Persönlichkeit soll die eigene Opferrolle sichtbar machen bzw. diejenigen, die dies nicht vorweisen können, „sensibilisieren“. 

In der Person der Jana aus Kassel, die sich während der Corona-Pandemie als neue Sophie Scholl imaginierte und dabei Spott und Häme der vermeintlich Aufgeklärten auf sich zog, wird nur deutlich, was passieren kann, wenn man Losungen zur scheinbaren Selbstermächtigung wie dieser ausgesetzt wird: „1933 und heute: Der Unterschied bist du“. Jana hätte sich natürlich gegen die AfD empowern lassen sollen, aber ihre projektive Identifikationsleistung bei gleichzeitiger Übertragung aus einem anderen Gegenstand „antifaschistischer“ Empörung geschah völlig konsequent. In denselben Zeitraum fiel auch der Audiowalk der Gedenkstätte Buchenwald, der 2020/21 im Projekt: „Bildung in Buchenwald: Gemeinsam gestalten“ angefertigt worden ist.(19) Im Erklärungstext heißt es: „Junge Erwachsene verschiedener Nationalitäten mit sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen, mit und ohne Flucht- und Migrationsbiografien, haben sich in diesem Projekt mit der Geschichte Buchenwalds sowie deren Gegenwartsrelevanz auseinandergesetzt und den Audiowalk entwickelt.“ Was als Wissensvermittlung dargestellt wird, meint die Nutzbarmachung der in Buchenwald und anderswo verübten Verbrechen des Nazismus als Kulisse für etwas ganz anderes, das man  „Gegenwartsrelevanz“ nennt. Weiter heißt es: „Im Rahmen von Studientagen bietet er eine einzigartige Möglichkeit, sich das historische Gelände unter dem Blickwinkel gegenwärtiger Konflikte zu erschließen und darüber ins Gespräch zu kommen.“ Dass mit den „gegenwärtigen Konflikten“ jeder Schüler und jeder Erwachsene zielsicher beim angeblich „größten Freiluftgefängnis der Welt“ landet, ist nicht ausgeschlossen.

Die Gedenkstätte Buchenwald hinkt dabei anderen Einrichtungen wie der Bildungsstätte Anne Frank noch hinterher, die bereits Anfang 2023 neben dem Aufruf noch Tipps mitlieferte, wie man ohne antisemitisch zu sein, gegen einen Besuch von Netanjahu in Deutschland demonstrieren könne.(20) Die Leiterin der bayerischen Gedenkstätte KZ Flossenbürg, Christa Schikorra, zeigt schon seit längerem an, wohin der Bildungsauftrag führt: „Über die historischen Menschenrechtsverletzungen zu informieren. Die Jugendlichen sollen sich bei einem Besuch fragen, was die Historie für sie persönlich bedeutet. Mit der Erinnerungsarbeit wollen wir nicht einfach eine Fahne mit einem ´Nie wieder´ hochhalten, sondern die Jugendlichen dazu bewegen, Bezüge zum heute herzustellen. Das Beste ist, wenn sie sich fragen, wie wir heute mit Minderheiten umgehen.“(21) Dazu passen dann auch Projekte wie „History in Motion“, „ein tänzerischer Workshop mit dem Community-Dance Worker Alan Brooks […]. Einen Zugang über Geschichte in Bewegung zu gestalten, ermöglicht in diesem fünftägigen Workshop ganz andere Verarbeitungsformen im Umgang mit der Geschichte an einem ehemaligen Verbrechensort zu finden.“(22) Oder der Projekttag „Was tust du?“, der im Gegensatz zu Jana aus Kassel aus der richtigen Perspektive kommt. Dieser ist ein Simulationsspiel, in dem in die Rolle der tschechischen Zivilbevölkerung geschlüpft wird und die Möglichkeiten der Zivilcourage ausgelotet werden.(23)

Von Gedenkstättenkonzepten wieder zu Boehm

Unter diesen Voraussetzungen wird ersichtlich, warum einerseits eine Handreichung gegenüber antisemitischen Codes seitens Linker verteilt wird, andererseits die Einladung Omri Boehms nur konsequent war. Denn sein Konzept eines radikalen Universalismus, der in letzter Konsequenz einem ahistorischen Relativismus das Wort redet, ergänzt sich mit der Emotionalisierung von Erinnerung sehr gut. Wenn von der Geschichte und vom Antisemitismus so sehr abstrahiert wird, damit jeder seinen Platz „mit oder ohne Flucht- und Migrationsbiografie“ findet, ist es schon egal wie man es mit den Juden hält. Zugleich halten Gedenkstätten aber an ihrem früheren Anspruch fest, eben nicht völlig in der beschriebenen Identifikation nebst gefeierter Vergangenheitsbewältigung aufgehen zu wollen. Diese beiden Momente speisen sich aus dem Unbehagen, dass der deutsche Zivilisationsbruch damit doch nicht restlos zum Verschwinden gebracht werden kann und zumindest Schweigen sowie Schlussstrichmentalität a la Höcke ebenso nur temporär funktionieren bzw. funktioniert haben in der frühen BRD – im Sinne eines bürgerlichen Rechtsstaates, in der DDR sah das bekanntlich anders aus. Gerade der Punkt scheint letztlich auch bei den vermeintlichen Kritikern durch, die wie Moses et al. genau dieses Moment liquidieren wollen bzw. die Shoah (und damit auch jenen inhärent barbarischen Teil des Kapitalverhältnisses) über den Bezug auf Kolonialismus in der verallgemeinerten Rubrik Kriegsverbrechen und Genozid aufgehen lassen wollen.

Ob an dieser Entwicklung die immer zahlreicher werdenden kleinen Gedenkinitiativen etwas ändern werden, ist mehr als zweifelhaft. Natürlich spricht nichts dagegen, auch lokal auf die Naziverbrechen hinzuweisen, solange auch der bei der Biografisierung schon angesprochene Übertrag aufs Große stattfindet. So gibt es viele Vereine, die schon jahrelang gute lokalhistorische Arbeit betreiben, wie bspw. das größtenteils durch Ehrenamtliche getragene Alternative Kultur- und Bildungszentrum (AKuBiZ) in Pirna.(24) Diese Initiativen werden aber immer zahlreicher und verfehlen zusehends ihren Zweck. In Dörfern und Kleinstädten stören sie keineswegs mehr das vermeintliche Idyll, sondern dienen womöglich sogar als Bereicherung. Und in Großstädten wie Berlin – wo ausgerechnet das Denkmal in Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma ständig vor dem Aus steht – braucht es nicht unbedingt noch den 100. Erinnerungsort. Denn in Abgrenzung und Konkurrenz zu den anderen Gedenkorten, muss die eigene Besonderheit so betont werden, dass der Bezug aufs Ganze eben nicht mehr stattfindet. Die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig nutzte bspw. ausgerechnet den 27. Januar diesen Jahres, um auf ihre prekäre Fördersituation hinzuweisen. Angesichts der aktuellen politischen Situation, so heißt es in der Pressemitteilung weiter, sei es ein fatales Zeichen, die historisch-politische Bildung herunterzufahren – und das an „der einzigen Einrichtung in Leipzig und Sachsen, die sich explizit mit der Erinnerung und Aufarbeitung des Verbrechens NS-Zwangsarbeit befasst.“(25)

Außerdem müssen diese Orte, um die Anstellungen der nicht selten (ehemals) Antideutschen abzusichern, im Kampf um die Projektförderungen sich den oben beschriebenen Entwicklungen anbiedern bzw. diese sich schönreden.(26) Während die großen Gedenkstätten zumindest noch Gewicht haben, wie der Widerstand gegen Claudia Roths Pläne gezeigt hat, bleibt den kleinen nur die Wahl: staatliche Förderung inkl. postmoderner Gängelung oder kein Geld mehr dafür aber Unabhängigkeit. Da fällt die Entscheidung doch oftmals für ersteres aus und die Unterwerfung unter die Gesetze übelster ideologischer Erlebnispädagogik erscheint dann als spannender Perspektivwechsel, der voller Elan vollzogen wird. Das eingangs geschilderte Verfahren an den Thüringer Verwaltungsgerichten dürfte nicht der letzte Versuch sein, in dem sich antisemitische Aktivisten in die Gedenkstätte einklagen – und wie die Reaktionen auf die interne Handreichung in Buchenwald schon andeuteten, wird es vermutlich nicht mehr lange dauern, bis sie Recht bekommen und Gedenkstätten dies „aushalten“ müssen oder gleich freudig zulassen. 

Richard-Hellmut Stoenescu und Kevin Holfeld

Anmerkungen

1) Kurz zu dem Urteil: Vgl. MDR (cfr)/dpa: KZ-Gedenkstätte Buchenwald darf Zutritt mit Palästinensertuch verweigern, in MDR Thüringen, 20.08.2025; online: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/weimar/gedenkstaette-buchenwald-kufiya-urteil-100.html [Alle Links wurden zuletzt am 31.08.2025 aufgerufen].

2) Alle Zitate aus und zu den Reaktionen: Rudolph, Marius: Kontroverse um Kleidungsstück. Erleichterung bei Gedenkstätte Buchenwald nach Urteil zu Palästinensertuch, in: MDR AKTUELL, 22.08.2025, online: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/weimar/buchenwald-gedenkstaette-kufiya-trageverbot-100.html

3) ebd.

4) Zitiert nach: Hildebrand, Klaus: Shitstorm gegen Gedenkstätte Buchenwald, in taz, 10.07.2025, online: https://taz.de/Debatte-um-Palaestinensertuch-Kufiya/!6100296/

5) ebd.

6) Vgl. Monroy, Matthias: Waffenstillstandsforderung soll antisemitisch sein, in: nd, 14.07.2025, online: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192452.israel-und-gaza-waffenstillstandsforderung-soll-antisemitisch-sein.html

7) Zitiert nach: Gedenkstätte Buchenwald: Was ist unsere hausinterne Handreichung über „Problematische Marken, Codes, Symbole und Zeichen rechtsradikaler und antisemitischer Gruppierungen“?, 07.07.2025, online: https://www.buchenwald.de/newsroom/Hausinterne-Handreichung-zu-Codes-der-rechtsextremen-Szene Auch das Gerede vom Kontext verschleiert mehr als es zum Erkenntnisgewinn beiträgt, gerade beim Werdegang der Kufiya zum antiimperialistisch-antiwestlichen Kleidungsstück allerspätestens unter Schirmherrschaft der PLO.

8) Dieses und folgende Zitate aus: Westlake, Julia: Nach Kritik an Gedenkstätte Buchenwald: Handreichung wird überarbeitet, Interview mit Jens-Christian Wagner, in: NDR, 22.07.2025, online: https://www.ndr.de/kultur/nach-kritik-an-gedenkstaette-buchenwald-handreichung-wird-ueberarbeitet,wagner-210.html

9) Zu Boehm noch: vgl. Avrahami, Zeev: Der verklärte Blick der Deutschen auf Israel, Jüdische Allgemeine, 24.04.2025, online: https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/der-verklaerte-blick-der-deutschen-auf-israel/​​​​​​​

10) Zu dem Vorfall auf der Gedenkfeier: Vgl. Thaidigsmann, Michael: „Nehmen wir doch bitte das Gift aus der Debatte!“, Interview mit Jens-Christian Wagner, in Jüdische Allgemeine, 15.04.2025, online: https://www.juedische-allgemeine.de/politik/nehmen-wir-doch-bitte-das-gift-aus-der-debatte/?q=omri%20boehm 

11) Hier ist das wirklich sehr zugehende Angebot von Paranoya zu finden: Vgl. https://paranoyafestival.de/category/news/

12) Vgl. Handel, Tina: Streit um die Zukunft des Erinnerns, in: Tagesschau, 10.08.2024, online: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/gedenkstaetten-konzept-bundesregierung-100.html

13) Wagner, Jens-Christian: Historikerstreit 2.0? Zur Debatte um das Wechselverhältnis zwischen Shoah- und Kolonialismus-Erinnerung, online: https://www.stiftung-gedenkstaetten.de/reflexionen/reflexionen-2022/historikerstreit-20-. Der von Wagner zitierte Punkt bezüglich „Glaubenswächter“ und „Hohepriester“ bei Moses offenbart selbst wiederum antisemitische Versatzstücke bei letzterem. Auf den ideologischen Gehalt des Postkolonialismus haben sowohl Ingo Elbe als auch Jan Gerber und weitere zur Genüge hingewiesen, vgl. Elbe, Ingo: Antisemitismus und Postkoloniale Theorie. Der ‚progressive‘ Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung, Berlin 2024; Gerber, Jan: Holocaust, Kolonialismus, Postkolonialismus. Über Opferkonkurrenz und Schuldverschiebung, in: Hallische Jahrbücher 1 (2021), S. 19-46.  

14) Zitiert nach Wiemann, Mareike: Was bleibt von der Erinnerungspolitik der Ampel?, in: MDR online, 19.02.2025, online: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/weimar/gedenkstaetten-claudia-roth-bkm-kultur-news-100.html (Hervorhebung durch die Autoren).

15) ebd.

16) Beschränkte sich vor 1990 der mögliche Einspruch nur auf die Geschichte des Nazismus, erlangte nach der Wiedervereinigung auch das Gedenken an das Unrecht in der DDR an Konjunktur, wobei im Zuge dessen die Extremismustheorie als billiger Abklatsch der Totalitarismusdiskussionen früherer Jahre gerade im Osten Deutschlands einen gewissen Höhenflug erlebte und einen eigenen Beitrag zur Verharmlosung der damaligen NPD geleistet hat. Dieser Umstand war aber wiederum auch Anlass für Kritik seitens der Gedenkstätten, wenn sich Leiter diesbezüglich äußerten.

17) Gedenkorte spielen in modernen Gesellschaften allgemein eine zentrale Rolle für das Nationbuilding und sind somit auch nicht losgelöst vom Kapitalverhältnis. Zugleich bleibt aber festzuhalten, dass deren je konkrete Ausformung oder Konzeption im staatlichen Sinne höchst unterschiedlich ausfallen kann und gerade in Deutschland gleichsam als Normalisierung von Auschwitz fungieren. Vgl. Kübler, Felicitas: Zwischen mahnender Symbolik und Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse. Der unauflösbare Widerspruch von Erinnerungsorten, in: Grigat, Stephan/ Hoffmann, Jakob/ u. a. (Hrsg.): Erinnern als höchste Form des Vergessens? (Um-)Deutungen des Holocaust und der „Historikerstreit 2.0“, Berlin 2023, S. 337-354.

18) Erinnert sei hier an die Wehrmachtsausstellung, die als Wanderausstellung konzipiert war und teils heftige Reaktionen sowie Gegenreaktionen auslöste. Dies gilt ebenso für die früheren kleinen Initiativen in den 1950er-Jahren, die mit Ausstellungen bspw. auf die personellen Kontinuitäten im Staatsdienst nach 1945 hinwiesen oder die antisemitische Welle ab 1959 skandalisierten. Federführend war dabei nicht selten der SDS, bevor dieser seine antiimperialistische Wende Mitte des nächsten Jahrzehnts vollzog.

19) Alle folgenden Zitate nebst Hervorhebung im Original sind der Website entnommen, zitiert nach: Buchenwald. Ein Audiowalk, online: https://www.buchenwald.de/besuch/multimedia-guide/buchenwald-audiowalk

20) Instagrambeitrag vom 15. März 2023 „Netanjahu in Berlin – Wie geht Kritik ohne Antisemitismus?“ Die Bildungsstätte legte vor kurzen nochmal nach. Völlig von der Realität entkoppelt gibt sie wohlgemeinte Ratschläge, wie man auf Demonstrationen solidarisch mit den Palästinensern sein kann, ohne dabei „antisemitische Dynamiken“ zu stärken. Vgl. Instagrambeitrag vom 25.09.2025 „Wie Ihr Solidarität mit Palästinenser*innen ausdrücken könnt … und euch gegen Antisemitismus stark macht“. Auffällig hier ist, dass es Zustimmung eher aus der israelsolidarischen Linken gibt, während die antiisraelische Szene in der Kommentarspalte ihre komplette Ablehnung kundtut.

21) Unterberg, Swantje: Bildungsarbeit in KZ-Gedenkstätte: „Wir können kein Serum aus dem Schrank ziehen und die Schüler impfen“, Interview mit Christa Schikorra, in: Spiegel online, 26.07.2019, online: https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/kz-gedenkstaette-flossenbuerg-kann-ein-besuch-einstellungen-aendern-a-1279239.html

22) Schikorra, Christa: Transnationale Erinnerungsarbeit – ein kollegialer Austausch, 21.11.2018, online: https://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/14245

23) Vgl. „Was tust DU?“ – Ein Simulationsspiel zu Zivilcourage in den letzten Kriegstagen, online: https://www.gedenkstaette-flossenbuerg.de/de/bildung/was-tust-du-projekttag

24) Auch wenn es schon einige Jahre zurück liegt, sei hier darauf hingewiesen, welchen Vorteil das AKuBiZ durch seine Struktur hat. Am 9. November 2010 lehnte der Verein bei der Verleihung den Sächsischen Förderpreis für Demokratie ab, weil dies auch ein Bekenntnis zur Extremismusklausel beinhaltet hätte.

25) Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig: Drastische Einschränkungen bei der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig. Kürzere Öffnungszeiten und weniger Bildungsangebote, 27.01.2025, online: www.zwangsarbeit-in-leipzig.de/fileadmin/Dateien/Aktuelles/PM_GfZL_27.1.2025.pdf Es wird weiter betont, dass man auch eine der wenigen Gedenkstätten deutschlandweit zu dem Thema sei.

26) Hier findet es ebenfalls die Entsprechung in den Universitäten wieder. Da die wichtigsten Untersuchungen zum Nazismus und der Shoah schon vorliegen, bleiben den heutigen Geschichtsstudenten und -doktoranden nur noch Spezialthemen: lokale, biografische, gendersensible, … Betrachtungen. Die Abschlussarbeiten werden dementsprechend immer feingliedriger.

Leave a Reply