Die wahlweise als „Invasion“, „Ansturm“ oder „Kurzzeit-Migrationskrise“ betitelte Tatsache, dass sich weiterhin Zehntausende Menschen an Europas Außengrenzen nicht mit Not, Elend und Gewalt abfinden wollen und immer noch an der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa festhalten, entzog sich unter dem Namen „Ceuta“ der gesellschaftlichen Verdrängung und fand im Medienspektakel rund um die Vorgänge in der spanischen Exklave ihren paradigmatischen Ausdruck für die ideologische Verfasstheit der „europäischen Völkerfamilie“ als Ganzes.

Mit dem Fachbegriff „Externalisierung“ verkleidet die Europäische Union ihre Offensive gegen Geflüchtete, die darauf beruht, Regierungen und Regime an den europäischen Außengrenzen mit Millionenzahlungen gegen Geflüchtete einzuspannen und ihnen, solange diese Menschen nicht in die EU gelangen, zu überlassen, was dort mit diesen geschieht.
Als sich diese Politik Ende Juli kurzfristig als nicht völlig impermeabel erwies und dabei mehr als 80 Menschenleben forderte, brach sich der allgegenwärtige Wahn im „Diskurs“ seine Bahn. Als Spaniens Ministerpräsident nachholend betonte, dass Ceuta nicht zum Schengenraum gehört, und unter Verweis auf Frontex-Zahlen beteuerte, dass Spaniens Grenzen „zu den am wenigsten durchlässigen“ zählen, hatte Frankreich bereits den Grenzschutz verstärkt und Italien das Schengen-Abkommen mit Spanien ausgesetzt sowie Grenzkontrollen auf Luft- und Seewegen wiedereingeführt. Dies unter der Beteuerung, „man werde nicht tatenlos zusehen“. Ohne Rücksicht auf das Faktum, dass Zehntausende arme Seelen fernab vom europäischen Festland auf Asyl hofften, könnte man anhand des Tonfalls meinen, eine Vollinvasion EU-fremder Streitkräfte stünde bevor.
Das Medienspektakel rund um Ceuta beweist dabei nur zu deutlich, dass der kategorische Imperativ der Kulturindustrie nichts mit dem Kantischen und dessen Freiheit zu tun hat: „Du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken“ (Adorno). In diesem „was ohnehin ist“ erhält sich das bürgerliche Subjekt als „Selbstbewusstsein der Ware“ nur durch ständige Verwertung und ist als solches strukturell rassistisch aus der fortwährenden Angst vor der Entwertung: Der Andere als Unmensch symbolisiert die Folgen, die die Niederlage in der Konkurrenz mit sich bringt: den Verlust der freien Verfügung über sich selbst, die Einbuße der Subjektivität und die Angleichung an das Schicksal der Unmündigen und Entmündigten. Zugleich ist es fundamental antisemitisch, muss es doch, sich selbst als autonom begreifend, die abstrakte Herrschaft als übermächtig und bedrohlich empfinden, sie als solche um der Vorstellung eigener Autonomie willen verdrängen und abwehren und sie letztlich im Juden dingfest machen, um ihr so potenziell habhaft zu werden.
Und so geht es qua Entmenschlichung und Entsubjektivierung der Geflüchteten im „Ceuta-Diskurs“ sowieso nie um deren Leid und dessen gesellschaftlichen Grund, sondern um die „Bedeutung für die EU“, die „Lehren aus der Krise“ (beides Tagesschau) oder die „fragile EU-Solidarität“ (NDR). Der engagierte Bürger wird sich affektgetrieben vor den Empfangsgeräten in den ganzen Meinungsbrei einbringen, und durch die Information, es habe sich um ein missverstandenes Gerichtsurteil des spanischen Gerichtshofs gehandelt, das im Netz die Runde machte, wird auch klar sein: Kein Gesetz, keine Maßnahme darf je wieder zweideutig sein, um irgendwo irgendwelche Hoffnung aufkommen zu lassen.
Im Spiegel war zu lesen, dass die „Identitäre Bewegung“ und „viele andere Szene-Akteure“ nach Ceuta reisten, „um von dort markige Bilder zu produzieren“. Dass die etablierte Presselandschaft ebenfalls ganze Reporterscharen in die achtzehn Quadratkilometer große Exklave entsandte, um in „Brennpunkten“, „Liveschalten“ und „Vor-Ort-Analysen“ den aktuellsten Topseller der Aufmerksamkeitsökonomie zu bedienen, wurde dabei nicht erwähnt. Zugleich spekulierte man bereits über „Theorien“ von „den Profiteuren“, „Hintergründen“ und „Interessen“. In der linksliberalen taz grübelte beispielsweise deren Spanienkorrespondent darüber, dass der spanische Ministerpräsident als internationale „linke Leitfigur“ zur „Zielscheibe“ wurde. Er attestiert ihm „mächtige Feinde“ und stellt die Frage: „Was, wenn der marokkanische Monarch nur ein Instrument der neofaschistischen, trumpistischen Internationalen ist?“ Zu dieser zählt er selbstverständlich auch den israelischen Ministerpräsidenten, dem er „Hass auf Sánchez“ unterschiebt. Zustimmend zitierte der ARD-Journalist und Völkerrechts-Frontkämpfer Georg Restle die These, Ceuta sei „weder eine echte humanitäre Krise noch Teil eines antikolonialen Kampfes, sondern Teil der Bemühungen des wachsenden US-israelisch-marokkanischen Netzwerks“ gewesen, „eine progressive europäische Regierung zu schwächen, Europa zu spalten und das Völkerrecht zu untergraben“. Die Feindbestimmung teilte auch der Verleger des rechtsextremen Compact-Magazins, Jürgen Elsässer, der sich prompt dem Chor der “europäischen Patrioten” anschloss. In den sozialen Netzwerken rief er „die Rechten“ und namentlich Martin Sellner zur Ordnung auf und forderte, mit der „Ceuta-Panik“ aufzuhören; man betreibe damit nur „das Geschäft von Trump und Netanjahu“, die mit einer „Migrationswaffe“ einen „ganzen Kontinent in Panik versetzen“, damit „am Schluss alle über Spanien herfallen“. Anstelle dessen wäre „jetzt die Stunde der Patrioten aller Parteien“.
Alle beisammen dürften also mit der „demonstrierten Einigkeit“ auf dem darauffolgenden „EU-Krisengipfel“ (04.08.2026) ganz zufrieden gewesen sein. Deutsche Ideologie auf der Höhe der Zeit – konsequenter formuliert wird sie in der Islamischen Republik Iran: Schuld an allem sind und waren schon immer „der kleine und der große Satan“.
In diesem Sinne stimmten alle mit ein. Das Thema flatterte durch die Berichterstattungen, durch Beiträge und Stories in den sozialen Netzwerken; alle hatten eine Meinung – mal geprägt von Pragmatismus, mal von Moral –, und alle waren sich gewiss: Wir brauchen eine andere Politik. Eine vernünftige Flüchtlingspolitik kann es jedoch nicht geben. Denn, treffend von der Redaktion Polemos formuliert: „Wenn Vernunft universell ist und etwas anderes als die instrumentelle Vernunft des partikularen Interesses eines Staatsbürgers, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, auch nur einem Menschen die Einreise und den Aufenthalt zu verweigern. Ja, es gibt noch nicht einmal eine Position, die vernünftigerweise eingenommen werden könnte, von der aus sich darüber diskutieren ließe. Ein gewiss wenig politik- und realitätstaugliches Ideal für den Asylpolitiker.“ Der gesellschaftliche Grund für Gewalt und Leid, dem diese Gesellschaft ihrem Prinzip nach nicht entraten kann, das „was ohnehin ist“, scheint so unveränderlich, wie es unbegreifbar ist. Veränderung wäre die Voraussetzung dafür, dass universelle Vernunft nicht bloß ein abstrakter Anspruch bleibt. „Die Kulturindustrie besorgt das Geschäft, es dazu nicht kommen zu lassen, das Bewußtsein zu fesseln und zu verfinstern.“ (Adorno) Ein Anfang wäre der Versuch, sich der bürgerlichen Subjektivität und der Deutschen Ideologie im Denken zu verweigern.